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Frank Wedekind Gedichte

Frank Wedekind: * 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918

Frank Wedekind  (Liebesgedichte)
Frühling Ilse


Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
Ein reines unschuldsvolles Kind,
Als ich zum ersten Mal erfahren,
Wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte
Und flüsterte: O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte, sachte
Den Kopf mir auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb' ich sie alle,
Des Lebens schönster Lenz ist mein;
Und wenn ich keinem mehr gefalle,
Dann will ich gern begraben sein.

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Frank Wedekind (Gedichte zum Nachdenken)
Erdgeist


Greife wacker nach der Sünde;
Aus der Sünde wächst Genuss,
Ach du gleichest einem Kinde,
Dem man alles zeigen muss.

Meide nicht die ird´schen Schätze:
Wo sie liegen, nimm sie mit.
Hat die Welt doch nur Gesetze,
Dass man sie mit Füßen tritt.

Glücklich wer geschickt und heiter
über frische Gräber hopst.
Tanzend auf der Galgenleiter
Hat sich keiner noch gemopst.

Frank Wedekind  (Liebesgedichte)
Sommer - Konfession


Freudig schwör' ich es mit jedem Schwure
Vor der Allmacht, die mich züchtigen kann:
Wie viel lieber wär' ich eine Hure
Als an Ruhm und Glück der reichste Mann!

Welt, in mir ging dir ein Weib verloren,
Abgeklärt und jeder Hemmung bar.
Wer war für den Liebesmarkt geboren
So wie ich dafür geboren war?

Lebt' ich nicht der Liebe treu ergeben
Wie es andre ihrem Handwerk sind?
Liebt' ich nur ein einzig Mal im Leben
Irgendein bestimmtes Menschenkind?

Lieben? - Nein, das bringt kein Glück auf Erden.
Lieben bringt Entwürdigung und Neid.
Heiß und oft und stark geliebt zu werden,
Das heißt Leben, das ist Seligkeit!

Oder sollte Schamgefühl mich hindern,
Wenn sich erste Jugendkraft verliert,
Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern,
Den verwegne Phantasie gebiert?

Schamgefühl? - Ich hab es oft empfunden;
Schamgefühl nach mancher edlen Tat;
Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden;
Scham, wenn endlich sich Belohnung naht.

Aber Schamgefühl des Körpers wegen,
Der mit Wonnen überreich begabt?
Solch ein Undank hat mir fern gelegen,
Seit mich einst der erste Kuss gelabt!

Und ein Leib, vom Scheitel bis zur Sohle
Allerwärts als Hochgenuss begehrt...
Welchem reinern, köstlichern Idole
Nachzustreben, ist dies Dasein wert?

Wenn der Knie leiseste Bewegung
Kraft erzeugend wirkt wie Feuersglut,
Und die Kraft, aus wonniger Erregung,
Sich zu überbieten, nicht mehr ruht;

Immer unverwüstlicher und süßer,
Immer klarer im Genuss geschaut,
Dass es statt vor Ohnmacht dem Genießer
Nur vor seiner Riesenstärke graut...

Welt, wenn ich von solchem Zauber träume,
Dann zerstiebt zu nichts, was ich getan;
Dann preis' ich das Dasein und ich bäume
Zu den Sternen mich vor Größenwahn!

Unrecht wär's, wollt' ich der Welt verhehlen,
Was mein Innerstes so wild entflammt,
Denn vom Beifall vieler braver Seelen
Frag' ich mich umsonst, woraus er stammt.

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Frank Wedekind  (lustige Liebesgedichte)
Das Lied vom gehorsamen Mägdlein


Die Mutter sprach in ernstem Ton:
„Du zählst nun sechzehn Jahre schon;
Drum, Herzblatt, nimm dich stets in acht,
Besonders bei der Nacht.
Verlier dich von dem Lebenspfad
Nie seitwärts ins Geheg.
Geh immer artig kerzengrad
Den goldenen Mittelweg.“

Da kommt nun in der Dämmerstund
Des Pulvermüllers Heinrich und
Küsst mich - mir ward gleich angst und bang –
Wohl auf die rechte Wang:
„O Heinrich, das verbitt ich mir;
Sieht’s Mutter, setzt es Schläg’.
Am allerbesten wählen wir
Den goldenen Mittelweg.“

Und plötzlich schreit er glutentflammt:
„Ich führe dich zum Standesamt! “ –
„Schweig“, sag ich, „unverschämter Wicht;
Dahin bringst du mich nicht!“ –
Da flüstert er und freut sich schier,
Weil ich’s mir überleg:
„Nun gut, mein Schatz, dann wählen wir
Den goldenen Mittelweg.“

Und wenn ich nun zur Ruh mich leg,
Mir träumt vom goldenen Mittelweg;
Mein Spielzeug macht mir kein Pläsier,
Ich gäb es gern dafür,
Gäb meine Schuh, mein Röcklein fein,
Weiß Gott, ich gäb noch mehr;
Hätt nie geglaubt, dass ich solch ein
Gehorsam Mägdlein wär.

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